In New Learning, Persönliches

Ein Bomberpilot, der über Dresden flog und Bomben abwarf.
Eine alte Frau, die während des 2. Weltkriegs mehrfach vergewaltigt wurde.
Ein Überlebender eines Konzentrationslagers.
Ein alter Mann, der erst viele Jahre nach Kriegsende aus der Gefangenschaft zurückkehrte.

Dies sind wenige, aber typische Beispiele von alten Menschen, die ich als Altenpflegerin versorgt und begleitet habe. Sie und viele andere mehr – Menschen, die mit Möbeln um sich warfen, die stundenlang an den Türen der geschlossenen Abteilung rüttelten. Menschen, die sich in ihrer Angst und in alten Erinnerungen unter dem Bett versteckten.

Menschen, deren Verhalten ich nicht gleich bewerten wollte, sonst hätte ich mich womöglich persönlich angegriffen gefühlt. Das aber war ein Lernweg.

Zugleich habe ich in meiner persönlichen Geschichte erlebt, dass vieles anders ist bzw. war, als ich zunächst dachte. Gerade während der letzten zwei Jahren habe ich für mich gelernt, meine bis dahin getragenen und nicht bemerkten Scheuklappen abzulegen. Meine eigene Einschätzung, meine Beurteilung sind nur ein klitzekleiner Teil des Ganzen. Den großen Blick kann ich selten bekommen und am leichtesten ist es doch auch, einfach zu glauben, was so offensichtlich ist, oder? Aber ist das die Wahrheit? Gibt es nicht noch mehr Aspekte, die betrachtet werden sollten? Urteilen wir so schnell, vielleicht zu schnell oder wagen wir einen anderen Blickwinkel bzw. eine eher ganzheitliche Sichtweise?

„Die Dinge sind nie so, wie sie sind. Sie sind immer das, was man aus ihnen macht.“ Jean Anouilh

Ein Zitat, welches ich als tägliche Richtschnur, auch für den Umgang mit Medien und Informationen ansehe. Kritisches Denken ist ja ebenso wie die Ambiguitätstoleranz eine der zentralen Zukunftsfähigkeiten. Deshalb brauchen wir m.E. die innere Contenance, Eindrücke, die wir wahrnehmen, weitgehend souverän zu betrachten. Damit schützen wir uns auch vor unnötigen Ängsten oder Panikmache, die unser Immunsystem eher schwächen würden. Stattdessen bleiben wir gesund und können so für andere Menschen eine wertvolle Begleitung sein, eine Unterstützung und Inspiration. Zudem kann es uns dadurch gelingen, Schuldzuweisungen aufzugeben und dazu beizutragen, dass Verbundenheit zu Menschen, zu Gruppen, zu Völkern und zur Menschheitsfamilie an sich größer ist als eine Spaltung in Gut und Böse oder in Schwarz und Weiß. Es sind immer vielfältige Facetten.

Und eines gilt für mich immer: Ich lehne jede Form von Gewalt, kriegerischen Handlungen und Machtmissbrauch ab!

Komme ich zurück zu den obigen Beispielen von teilweise sehr hochbetagten Menschen, dann halfen mir schon immer das Bewusstsein, dass ein bestimmtes Verhalten nicht einen Menschen ausmacht, und die folgende Geschichte, die ich in einer Ausbildung kennenlernte. Immer wieder stellte ich sie meinen Büchern als Richtschnur für wichtige Analysefähigkeiten einer Pflegeexpertin voran.

Diese Geschichte kann m.E. auch jetzt helfen, aktuelle Schlagzeilen sorgfältig zu betrachten und souverän zu bleiben. Die Botschaft dieser Geschichte aus dem alten China kann sogar dazu beitragen, dass diese Welt gewaltfrei wird und dass es eine ehrliche Welt wird, an die es sich lohnt zu glauben.

Der alte Mann und das Pferd

Es lebte ein alter Mann in einem Dorf. Er war sehr arm, dennoch waren selbst die Könige auf ihn neidisch, weil er ein sehr schönes Pferd besaß. Ihm wurden satte Summen für das wunderschöne Pferd geboten, doch der alte Mann verkaufte sein Pferd nicht.

An einem Morgen als der alte Mann zum Stall ging, war sein Pferd nicht mehr da. Alle Menschen aus dem Dorf versammelten sich und sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!“ Der alte Mann aber antwortete: „Geht nicht zu weit, das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.“

Daraufhin lachten die Menschen den alten Mann nur aus. Schon immer glaubten sie gewusst zu haben, dass der alte Mann etwas verrückt sei…

Doch nach fünfzehn Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es wurde nicht gestohlen, es war in die Wildnis aufgebrochen. Aber das war noch nicht alles. Das Pferd brachte noch zwölf wilde Pferde mit.

Die Menschen aus dem Dorf versammelten sich wieder und sagten: „Alter Mann, du hattest recht, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“ Der alte Mann entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Der einzige Sohn des alten Mannes begann, die wilden Pferde zu trainieren.

Doch leider fiel er schon nach nur einer Woche vom Pferd und brach sich dabei die Beine. Wieder versammelten sich die Leute aus dem Dorf und urteilten: „Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“ Der alte Mann antwortete: „Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Nach ein paar Wochen begann das Land, einen Krieg zu führen und alle jungen Männer wurden vom Militär eingezogen. Nur einer nicht: der Sohn des alten Mannes blieb zu Hause, weil er verkrüppelt war. Vom Wehgeschrei war der ganze Ort erfüllt, dieser Krieg war nicht zu gewinnen. Man wusste, dass die meisten der jungen Männer nie mehr nach Hause kommen würden.

Die Bewohner kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“ Der alte Mann erwiderte: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß, was kommt. Sagt nur dies: dass eure Söhne in die Armee eingezogen wurden und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Darum: Urteile nie.“

Ich würde mit meinen Worten sagen: Urteile nicht vorschnell und bleib dran, Dich umfänglich zu informieren.

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