In Coaching, Persönliches, Speaker

„Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass es rund ist!“

„Du musst Dich spitz aufstellen, brauchst eine eindeutige, spitze Positionierung.“ So heißt es allerorten. Fast jeder Positionierungscoach empfiehlt eine spitze Positionierung. Aus gutem Grunde. In meinen Augen ist sie das Gegenteil des Angebots-Bauchladens, den viele Trainer*innen, Speaker und auch Coaches vor sich hertragen.

Die Palette reicht von Kommunikation über Konfliktlösung zur Teamentwicklung. Wer Teamentwicklung anbietet, macht dann auch noch Führungskräfteseminare, da liegt das Selbstmanagement gleich nebenan, Resilienz wird noch oben aufgelegt… – so oder ähnlich erlebe ich es oft.

Bei dieser Breite kann es nach meinem Ermessen kaum Tiefgang geben. Denn wie soll sich der- bzw. diejenige in der Fülle der Themen um eine praxisbezogene, authentische Qualität zum Thema kümmern, die dann auch noch State of the Art sein soll? Das geht kaum; wie also soll dann beim Kunden relevante Qualität und hochwertiger, nachhaltiger Nutzen entstehen?

Deshalb ist eine spitze Positionierung auch in meinen Augen sinnvoll. Sie verspricht Resonanz, Mandat und Qualität.

Andere Kolleg*innen wiederum neigen dazu, ihre Positionierung auf einem Modell aufzubauen und zu begründen. Da finden sich dann Expert*innen für Gewaltfreie Kommunikation, Positive Psychologie, NLP etc.

Von Hermann Scherer hörte ich in einem Seminar einmal den Satz: „Was bist du ohne deine Methoden?“ Was für eine Aussage! Was ist ein NLP-Trainer ohne NLP, ein Coach für Pferde-gestütztes Coaching ohne Pferde?

Ich weiß, diese Frage kann manchmal eine enthüllende Wirkung haben, sie kann in der Beantwortung anstrengend sein. – Doch ist sie wichtig. Für mich ist diese Frage einer der bedeutenden Schlüssel in der Positionierungsarbeit die den Weg zu so etwas wie einem persönlichen Lebensthema, einer starken persönlichen Kompetenz öffnet.

„Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass es rund ist!“, so hieß es vor kurzem nach einem erfolgreich abgeschlossenen Coaching.

Ja, genau darum es, dass es rund ist, dass es stimmig ist. Das Thema trägt den Menschen und der Menschen trägt das Thema, lebt darin, bewegt sich darin und entwickelt sich darin weiter.

Es ist der Mantel, der alles Bisherige zusammenfasst oder andersherum betrachtet, der Kern, der alles nährt. – Eine tiefe Arbeit, bei der viele Schichten wie bei einer Zwiebel fallen können. Wunderbar, am Ende bliebt etwas bestehen, was jahrelange Tragweite hat.
Ich erlaube mir das zu sagen, ich habe viele hundert Trainer*innen ausgebildet, mehrere tausend Trainer*innen in Seminaren und Coachings begleitet.

Doch nicht für alle ist die spitze Positionierung das Richtige. – Das sind die Künstler und Künstlerinnen in unserer Branche. Der Mantel ist das Schaffende, das Weiterentwickelnde.

Künstler*innen haben statt einer Positionierung eher einen Stil – einen unverkennbaren am besten – einen Malstil, einen Schreibstil, eine besondere Art, mit Materialien umzugehen, einen Wortstil. Und für mich ist es ein ungeheures Geschenk, in meinen Coachings gelegentlich mit den Künstler*innen der Branche zu arbeiten. Ganz am Anfang ist uns beiden manchmal nicht bewusst, dass genau das hinter allem liegt; um so größer und beglückender ist dieses „Wunder des Freischälens“ dann auf beiden Seiten.

„Der Ernst des Lebens ist leichter als gedacht.“ (Barbara Messer)