In Persönliches

Pflegenotstand – Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.
Weiter blicken, sagt die Horizonautin.

Derzeit erkennt unsere Gesellschaft, dass ihre düsteren Prognosen vom Alter mehr und mehr Realität werden. – In unserer Kultur sind alte Menschen nicht hoch angesehen.
Ihre Weisheit, ihre Lebenserfahrung wird in anderen Kulturen als etwas Wertvolles angesehen, da sind sie die Elders, die Weisen, die Ratgeber oder einfach nur selbstverständlich Dazugehörende.

Hier „vergammeln“ sie in ihren Wohnungen, wenn sie gestorben sind und keiner merkt es. Denn bei uns wird um die Themen Alter, Siechtum und Tod herum geschlichen, weil unsere Kultur nicht weiß, wie sie damit umgehen soll.

Es fehlen Rituale, es fehlt vielfach an Nähe, an innerer menschlicher Sicherheit, an einem Selbstverständnis und an Konzepten, wie wir alle miteinander leben können.

Alte und kranke bzw. pflegebedürftige Menschen werden in stationären Einrichtungen geradezu weggesperrt, ehrlich gesagt, will sie keiner sehen, denn sie machen uns Gesunde und Junge ja betroffen. – Das ist das Gegenteil von geforderter Inklusion und Teilhabe am Leben.

Wer jedoch wenig Ansehen und kaum noch Status hat, der steht am Rande der Gesellschaft. Und neben ihnen stehen diejenigen, die sie versorgen.

Somit sind die, die sie versorgen, nicht viel mehr wert. Schimpfwörter wie Urinkellner fallen schnell, wenn es um die Pflegeberufe geht. Diese und ähnliche Bezeichnungen, wie auch die Bezahlung machen deutlich, dass Pflegeberufe kaum gesellschaftliches Ansehen haben. Daran ändern m. E. auch die Versuche der Verkammerung des Pflegeberufes und die Bestrebungen zur Generalisierung der Pflegeausbildungen noch nichts.

Ich habe selber 15 Jahre in der Pflege gearbeitet – in einer Zeit als die Warm-satt-sauber-Pflege Standard war. Sedierungen und Fixierungen waren Alltag, Vier-Bett-Zimmer und Abführtage normal.

Dennoch habe ich in diesen 15 Jahren und in meiner Familie gelernt, dass alte Menschen – mit oder ohne Pflegebedarf –, feine und wertvolle Menschen sind, die uns Jüngeren immer etwas geben können, denn sie sind immer höher im Status und in der Lebenserfahrung als wir Jüngeren.

Sie lehrten mich u.a. Respekt, Liebe und Demut, gleich wie dement, hinfällig und hilfsbedürftig sie waren.

Jetzt erhebe ich das Wort, weil ich verschiedene Seiten selbst kenne: als Pflegende, Angehörige, Ausgebildete (und weiter Lernende), Ausbildende. 15 Jahre direkte Pflege und 15 Jahre Training und Ausbildung in diesem Bereich lassen mich meinen Unmut auf dieses überforderte, ewig schuldig-suchende und träge System mit seiner aktuellen Diskussion nicht mehr zurückhalten.

Das System Pflege ist m. E. extrem langsam und bürokratisch:
So wird beispielsweise der Antrag auf eine Höherstufung bei erhöhtem Pflegebedarf manches Mal erst dann bewilligt, wenn der Betroffene bereits verstorben ist, also Wochen später.

Immer wieder erlebe ich, dass diese Behäbigkeit auch die Ausbildung derer betrifft, die Pflegende ausbilden, also Hochschulen mit dem Schwerpunkt Pflege-, Medizinpädagogik und ähnliches.

Beispiele dafür sind:

  • Die Pflegepädagogen bekommen erst nach mehreren Semestern Methoden zum Unterrichten an die Hand, dann haben sie schon ein Praktikum absolviert, wo sie sich hätten ausprobieren können.
  • Der Frontalunterricht überwiegt, demotiviert und ist das Gegenteil von Lebendigkeit und Gesundheit in Bezug auf Lernen – ein Wertekonflikt.
  • Die Auftragserteilung und das Briefing im Zusammenhang mit einem Lehrauftrag oder einer Dozententätigkeit mit der Uni oder Hochschule ziehen sich unnötig in die Länge, die Digitalisierung im Verwaltungsbereich ist nicht umgesetzt, deshalb ist der Verwaltungsapparat sperrig und langsam, besonders im öffentlichen Dienst.
  • Unzureichende Absprache über genaue Lernziele, Honorare, die keinem Profi mit hohem Wirkungsgrad gerecht werden.

Aber auch sonst:

Die Fort- und Weiterbildungen in den stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen nicht bester Qualität. Die Pflegekräfte sind oft müde, der Schichtdienst nagt an ihrer Konstitution, die Schulungen gleichen Belehrungen oder Informationsveranstaltungen und werden meist standardmäßig durchgezogen. Oft genug heißt das konkret, dass die Führungskräfte der jeweiligen Einrichtung in der Mittagszeit, wenn nämlich Früh- und Spätschicht vor Ort sind, punktuell über Neuerungen informieren.

Gründe hierfür sind einerseits Wirtschaftlichkeit, denn so spart man sich Dozentenhonorare und zugleich sind sie Zeugnis einer unbewussten Inkompetenz in Bezug auf moderne Erwachsenenbildung.

Ergänzend werden dann die routinemäßig anzusetzenden Schulungen durch Apotheken oder Erste-Hilfe-Kurs-Anbieter durchgeführt – oft mit Lehrprinzipien aus dem letzten Jahrhundert, die demotivierend und das Gegenteil modernen Lernens sind. In der direkten Pflege soll es um Ganzheitlichkeit, Professionalität und Empathie gehen. Pflegekräfte müssen in wenigen Momenten erfassen, was die Situation bei einem Patienten oder Pflegebedürftigem ist, dazu benötigen Sie einerseits ein aktuelles Fachwissen, andererseits auch eine verlässliche Analysefähigkeit.

Doch wer unterrichtet Pflege?

Wir lernen von Menschen, die als Modell fungieren, die vorleben, nicht aus der Theorie. Wir lernen dann, wenn uns ein Mensch den Inhalt oder das Thema erschließt, es uns vorlebt, selber darin aufgeht. Doch das sind die wenigsten Pflegepädagogen und Dozenten in dieser Branche oder sie sind sich dessen nicht bewusst.

Hier braucht es m.E. nach eine dringende und zeitnahe Verbesserung der pflegerischen Aus- und Weiterbildung, weit über die derzeitige Akademisierung der Pflegeausbildung hinaus.

Und dann noch das: Die Pflegebranche ist eine willkommene Zielgruppe, für Trainer, Berater und Coaches, die in anderen Branchen nicht genügend Aufträge bekommen. Dann gehen sie in den Pflege- und Gesundheitsbereich und bieten dort Schulungen zu Soft Skills, Teamentwicklung und Führung an – dabei haben sie vom Alltag in der aktuellen Pflege meist keine Ahnung. Aufgrund ihres mangelnden Stallgeruchs ist der Transfer in den pflegerischen Alltag oft mangelhaft und es bleibt ein „Geschmäckle“ zurück.

Klassische Pflegepädagogen kennen den Alltag in der Pflege kaum noch, oft erstarren sie im Spagat zwischen Theorie und Praxis. In seltenen Fällen sind sie noch im schnelllebigen Pflegealltag einsetzbar, so fehlt die gelebte Brücke zwischen Theorie und Praxis, die gelebte Lösung, wie professionelle Pflege souverän nach dem State of Art gelehrt und umgesetzt werden kann.

Also erleben die Pflegenden von allen Seiten eine negative Konnotation, ein Ende des Dilemmas ist m.E. nicht in Sicht. – Denn wenn über Jahrzehnte dieser Beruf geringschätzig bewertet wird, mag ihn kaum jemand ausführen. Es bleibt ein Rest, Schulabbrecher, Schwer-zu-vermittelnde und andere, die dann in den Beruf strömen. Und dann gibt es Menschen, die ihn – allen Unkenrufen zum Trotz – mit Liebe und Leidenschaft ergreifen und ausführen, doch nicht selten scheitern sie an den derzeitigen Bedingungen oder brennen aus – und das nicht nur am eigenen Helfersyndrom.

Mir scheint: Erst wenn die eigenen Eltern demenzkrank werden oder gar der eigene Partner, dann wird dem einen oder anderen plötzlich bewusst, welch hochwertige Begleitung die Betroffenen benötigen, um einigermaßen mit der Erkrankung zurecht zu kommen.

Wie sollen wir das jetzt schaffen?

Wir brauchen ein anderes Menschenbild, eines was sich in der Bildung von Menschen zeigt.

Wir müssen Bildung neu denken.

Wir müssen Pflege neu denken.

Es braucht Menschen, die Lösungen zeigen. Und ich komme mit Lösungen!

Die Horizonautin möchte den Horizont der Diskussion erweitern.

Barbara Messer – Horizonautin

www.barbaramesser.com